Haltung

Epizootische Enterocolitis - eine neue Seuche

Seit 1996 wird in Frankreich eine neue seuchenhaft auftretende Erkrankung bei Mastkaninchen beobachtet. Futterverweigerung und hohe Sterberate (bis zu 80 Prozent) bringen die Kaninchenhalter zur Verzweiflung. Die Inkubationszeit beträgt 3 bis 5 Tage (Zeitraum von der Aufnahme des Infektionserregers bis zur Erkrankung) und die empfängliche Altersgruppe sind Jungkaninchen kurz nach dem Absetzen (7. bis 8. Lebenswoche).
In der Zwischenzeit wird diese Kaninchenkrankheit auch in anderen europäischen Ländern wie Italien, Deutschland und Belgien festgestellt. Dabei scheint primär die Intensivmast betroffen, in Rassekaninchenzuchten ist die Krankheit nicht weit verbreitet. In Frankreich sind gemäss neuen Umfragen in den letzten zwei Jahren rund 50 Prozent der Kaninchenmäster von der epizootischen
Enterocolitis
heimgesucht worden - dies im Gegensatz zu den französischen Rassekaninchenzüchtern.
Obwohl die Fütterung gemäss diesen Umfragen nicht entscheidend für den Ausbruch der Krankheit ist, scheint die Zusammensetzung des Futters wichtig. Positiv wirkt sich ein proteinarmes, rohfaserreiches Futter aus (Proteingehalt maximal 16 Prozent; Rohfasergehalt mindestens 20%). Auch die Rationierung (tägliche Gabe des Kombifutters, abgestimmt auf das Körpergewicht) hat einen guten Einfluss auf das Vorkommen und den Verlauf der epizootischen
Enterocolitis. Die Umfragen haben zudem gezeigt, dass auch andere Krankheiten (etwa Pasteurellose und Escherichia-coli-bedingte Erkrankungen) in Kaninchenmasten eine erhebliche Rolle spielen. Besorgniserregend ist, dass rund 50 Prozent der Mäster ihre Kaninchen ohne klare Diagnose behandeln.

Klinischer Verlauf

Dem Kaninchenzüchter fällt zuallererst die völlige Futterverweigerung auf, die ab und zu von einem aufgeblähten Bauch und einem Zusammenkauern begleitet ist. Für die epizootische Enterocolitis typisch sind sodann das «Gluntschen» (Geräusch eines fallenden Wassertropfens beim Hochheben des Tieres), die Verstopfung, in einer späteren Phase der starke Durchfall, die hohe Sterblichkeitsrate bei Jungtieren (siehe auch Auswertung des SRKV-Fragebogens in der «Tierwelt» Nr. 41/2001) sowie das Fehlen von Fieber. Beim Abtasten des Bauches wird oft eine Verhärtung im Blinddarmbereich gefühlt.
Im fortgeschrittenen Stadium wird das Absetzen von gelatinösen Massen beobachtet. Die Krankheit kann bei der Sektion von anderen Darmerkrankungen wie Kokzidiosen und Dysenterien unterschieden werden. Auffällig sind vor allem der stark aufgetriebene Magen und Blinddarm sowie der dünnsuppige Mageninhalt.

Auslöser der Krankheit

Ausgedehnte Untersuchungen haben in der Zwischenzeit ergeben, dass das Futter nicht die direkte Ursache der epizootischen Enterocolitis ist. Viele Faktoren wie Mykotoxine (Pilzgifte), Prämixe (Futtervormischungen) und Pestizide konnten ausgeschlossen werden. Bald wurde erkannt, dass die Krankheit ansteckend und übertragbar ist. Die Krankheitsursache konnte weiter eingegrenzt werden; so zeigte sich, dass eine Behandlung mit Antibiotika kaum bis keine Wirkung zeigt, dass bei üblichen bakteriologischen Untersuchungen nicht ein klarer Zielkeim angezüchtet werden kann oder dass für Viren typische Veränderungen in bestimmten Organen gefunden werden. Dennoch ist bis heute die Krankheitsursache noch nicht bekannt. Von daher ist es auch schwierig, klare Empfehlungen abzugeben. Die im Ausland oft praktizierte Dauergabe von Antibiotika ist eindeutig als Notlösung anzusehen und führt auch langfristig nicht zum Erfolg! Zusammenhänge mit allfälligen Impfungen - in der Schweiz wurde verschiedentlich die Impfung gegen die VHK dafür verantwortlich gemacht - können eindeutig ausgeschlossen werden.

Empfehlungen

Obwohl wie bereits erwähnt die Krankheitsursache noch nicht erkannt wurde, können auf Grund der Erfahrungen im Ausland einige Empfehlungen abgegeben werden.
· Fütterung optimieren (insbesondere nicht zu hohen Eiweissgehalt).
· Um die Absetzzeit vermehrt auf Heufütterung setzen.
· Probiotika (Laktobazillen) und Kräuter verabreichen.
· Keine vorbeugende Fütterung von Antibiotika versuchen.
· Überbesetzung der Ställe vermeiden.
· Haltungsbedingungen verbessern (keine Zugluft; keine zu feuchten Stallungen; staubarmes Heu).
· Kranke Tiere nicht an Ausstellungen schicken.
· Wegen des vermutlich ansteckenden Charakters der Krankheit Tierverkäufe zum Zeitpunkt der Krankheit und der darauf folgenden zwei Monate vermeiden.

Dr. Joseph Rey-Bellet

Dr. Richard Hoop

Tierwelt, Nr. 48

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