Haltung
Die epizootische Enterocolitis
Erkenntnisse und Empfehlungen zur «enzootic rabbit enteropathy» (ERE) am 8. Weltkongress der Kaninchenwissenschafter («world rabbit science association») in Mexiko. Seit 1996 wird in Europa eine neue seuchenhaft auftretende Erkrankung bei Mastkaninchen beobachtet. Futterverweigerung und hohe Sterberate (bis zu 80 %) bringen die Kaninchenhalter zur Verzweiflung. Die empfänglichste Altersgruppe sind Jungkaninchen kurz nach dem Absetzen (25.35. Tag). Neben Frankreich wird diese Kaninchenkrankheit auch in Italien, Spanien und Belgien festgestellt. Dabei scheint primär die Intensivmast betroffen, in Rassekaninchenzuchten ist die Krankheit nicht weit verbreitet. Obwohl die Fütterung nicht entscheidend für den Ausbruch der Krankheit ist, scheint die Zusammensetzung des Futters wichtig. Positiv wirkt sich ein proteinarmes, rohfaserreiches Futter aus (Rohproteingehalt maximal 18 %; Rohfasergehalt mindestens 20 %).
Klinischer Verlauf
Futterverweigerung, aufgeblähter Bauch und das «Gluntschen» (Geräusch eines fallenden Wassertropfens beim Hochheben des Tiers), das wissenschaftlich als Borborigmus bezeichnet wird, die Verstopfung, die hohe Sterblichkeitsrate bei Jungtieren sowie das Fehlen von Fieber sind die auffälligsten Anzeichen der epizootischen Enterocolitis. Beim Durchtasten des Bauches wird oft eine Verhärtung im Blinddarmbereich (Eintrocknung des Dickdarminhaltes) gefühlt. Im fortgeschrittenen Stadium wird das Absetzen von gelatinösen Massen beobachtet. Die Krankheit kann bei der Sektion von anderen Darmerkrankungen wie etwa Kokzidiosen und Dysenterien unterschieden werden. Auffällig sind vor allem der stark aufgetriebene fast leere Magen, der eingetrocknete Blinddarminhalt und glasige Massen in hinteren Darmabschnitten. Im benachbarten Ausland ist der sofortige Einsatz von ausgewählten Antibiotika die übliche Praxis, um hohe Abgangsraten zu vermeiden. Alle europäischen Tierärztinnen und Tierärzte sind sich bewusst, dass solche Behandlungen am Rande der Legalität ablaufen, da in vielen EU-Mitgliedsstaaten keine Antibiotika für den Einsatz beim Mastkaninchen zugelassen sind.
Ursache (Auslöser) der Krankheit
Auch heute ist die Ursache noch nicht bekannt. Wurde noch vor einigen Jahren ein Virus als Auslöser vermutet (Calici-, Corona-, Pesti-, Entero-, Adeno-, Parvo- und Circoviren, die bei anderen Nutztieren Durchfallerkrankungen auslösen, wurden nie gefunden), gehen die Vermutungen jetzt eher in Richtung einer bakteriell bedingten Krankheit. Viele Anzeichen scheinen dafür zu sprechen, dass ein bis zwei verschiedene Bakterienarten unter Umständen in Kombination die Krankheit auslösen. Favorisiert wird dabei Clostridium perfringens, ein Bakterium, von dem viele Stämme ein darmlähmendes Gift produzieren, welches das Weiterschieben des Futterbreies im Darmlumen stark abbremst. Viele Faktoren wie Mykotoxine (Pilzgifte), Prämixe (Futtervormischungen) und Pestizide konnten ausgeschlossen werden. Inwieweit das Verbot des Einsatzes von antimikrobiellen Leistungsförderern (ab 1996 EU-weit umgesetzt) das Auftreten dieser Krankheit begünstigt hat, lässt sich nicht ermitteln. Auffällig ist jedoch das zeitliche Zusammentreffen mit der ERE.
Empfehlungen
n Obwohl - wie bereits erwähnt - die Krankheitsursache noch nicht bekannt ist, können auf Grund der Erfahrungen einige Empfehlungen abgeben werden:
n Futterzusammensetzung und Fütterung optimieren;
n niedriger Eiweissgehalt (Rohprotein: max. 18 %);
n weniger verdauliche Kohlenhydrate (ADF) mind. 19 %;
n Ligninanteil mind. 5,5 %;
n Verhältnis verdauliche versus unverdauliche Kohlenhydrate: unter 55 % verdauliche Kohlenhydrate (DF);
n Vor dem Absetzen: Rohfaseranteil hoch, Stärkeanteil niedrig, nach dem Absetzen umgekehrt;
n Kombifutter richtig dosieren (tägliche Ration abwägen);
n Probiotika (Laktobazillen) und Kräuter verabreichen;
n Impfung der Zibben gegen Clostridientoxine durchführen;
n Überbesetzung der Ställe vermeiden;
n Wegen des vermutlich ansteckenden Charakters der Krankheit Tierverkäufe im Zeitpunkt der Krankheit und der darauf folgenden zwei Monate vermeiden.
Prof. Dr. med. vet. Richard Hoop
Institut für Veterinärbakteriologie
Winterthurerstr. 270, 8057 Zürich
Epizootische Enterocolitis ist ein Thema im SRKV
Rohfaseranteil entscheidend
Der in dankenswerter Weise von Prof. Dr. R. Hoop zum 8. Weltkongress der Kaninchenwissenschafter für die „Tierwelt“ verfasste Bericht wurde im SRKV-Vorstand mit grosser Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen und besprochen. Was heisst das für die Rassekaninchenzucht? Einmal sprechen die Kaninchenwisschenschafter von einer neuen Erkrankung bei Mastkaninchen und zum andern weiss man auch um Verdauungsstörungen bei Rassekaninchen. In erster Linie geht es um die Jungtiere. Laut Bericht sei primär die Intensivmast betroffen – in der Rassekaninchenzucht scheine die Krankheit nicht weit verbreitet.
Leider kennt man bis heute die Ursache der Krankheit nicht, deshalb kann es auch noch kein spezifisches Medikament zur Behandlung der epizootischen Enterocolitis geben. Doch können die Wissenschafter die neue Kaninchenkrankheit bestimmen und zum Beispiel von Kokzidiose oder akuter Dysenterie unterscheiden. Wichtig sei die Zusammensetzung des Futters. Da der Kaninchenzüchter die genaue Zusammensetzung des Kraftfutters nicht vollständig kennt, sind auch die Futtermittelproduzenten gefordert. Die Rezepturen für die Futterzusammensetzungen sind unter diesem Aspekt zu überprüfen. Ueber den Umfang der Verdauungsstörungen in der Rassekaninchenzucht gibt es keine umfassendenen Angaben.
Vorsicht beim Tierkauf
Was kann der Züchter machen? Wie bereits erwähnt, sind vor allem Jungtiere betroffen von dieser Erkrankung, am häufigsten in der Absetzzeit, also im Frühling und im Sommer. So gesehen ist die Ausstellungszeit im Winter kaum tangiert. In der Ausstellungszeit werden aber Tiere verkauft und gekauft. Und da gilt Vorsicht und Zurückhaltung. Kommt es zu einem Handel, soll das Thema Tiergesundheit angesprochen werden. Ein zugekauftes Tier soll in einem separaten Stall über zwei, drei Wochen beobachtet werden, dazu gehört auch die Beschaffenheit des Kotes.
Fütterung, Hygiene und züchten auf Gesundheit
Das Wichtigste zum Wohl des Tieres - und zur Vermeidung von Krankheiten - leistet der Züchter über folgende drei Bereiche: Fütterung, Haltung und Zucht. Frische Luft und Sauberkeit im Stall, sowie ausreichend Platz sind unerlässliche Voraussetzungen für die Gesundheit der Tiere. Etwas geht über kurz oder lang schief in der Kaninchenzucht, wenn der Züchter das ganze Jahr und an Ausstellungen von „97ern“ und Spitzenrängen oder von den vermeintlich verlorenen Punkten auf der Bewertungskarte spricht.
Uebersicht und umfassende Betreuung
Es ist klar, wenn von Verdauungsstörungen die Rede ist, steht die Fütterung im Zentrum. Dreissig Tiere können besser beobachtet werden als sechzig und zwanzig besser als vierzig. Das gleiche gilt auch für die Betreuung der Tiere. Professor Hoop empfiehlt Kräuter. Leckerbissen von frischem Grünzeug stehen immer zur Verfügung, dazu gehören auch Zweige zum Nagen – die Kaninchen haben diese Leckerbissen fürs Leben gern.
Der Faktor Zeit spielt mit
Kraftfutter, Heu und Wasser sind rasch verabreicht. Kommen aber die „grünen Leckerbissen“ hinzu, braucht es doppelt so viel Zeit. Tiere, die ich oft in die Hand und auf den Tisch nehme, kenne und beobachte ich besser – eine intensive Zuwendung zum Tier dient dem Wohlbefinden.
Heu ist das A und O
Im Zusammenhang mit der neuen Krankheit wird auch von einem Bakterium gesprochen, das ein darmlähmendes Gift produziere und so das Weiterschieben des Futterbreies im Darm abbremse. Und hier deckt sich der Rat der Wissenschaft mit dem, was jeder Kaninchenzüchter weiss: Das A und O in der Kaninchenfütterung ist die Heufütterung. Der Rohfaseranteil ist entscheidend für die Verdauung, so auch für den Transport des Futterbreis auf dem langen Weg durch die Verdauungsorgane. Mit entsprechender Hygiene, mit der Wahl und Haltung von robusten, vitalen Zuchttieren und der richtigen Futterzusammensetzung nimmt der Züchter grundlegend Einfluss auf die Gesundheit seiner Tiere.
Ruedi Dietiker
Enerecollitis, Kommentar von Ruedi Dietiker

