Rassekaninchen Schweiz

Krankheiten

Verdauungsstörungen als Notfall  

Auch bei sorgfältiger Fütterung kommt es bei Kaninchen gelegentlich zu Verdauungsstörungen wie Magenüberladung oder Trommelsucht. Der Rumpf ist aufgetrieben, die Bauchdecke ist bei Magenüberladung weich, bei Trommelsucht hingegen hart und gespannt. Schwere Trommelsucht kann sogar mit Atemnot einhergehen.

Mit ein paar homöopathischen Mitteln und einem Tee aus Beifuss und Fenchelsamen könnte manches Kaninchenleben gerettet werden.

Akute Notfälle also, die einer sofortigen Behandlung bedürfen, aber gute Aussicht auf Heilung haben. Homöopathie und Heilkräuter helfen dem Tier rasch und zuverlässig. Da keine Zeit für lange Beobachtungen bleibt, verabreicht man dem Tier einen Cocktail aus mehreren Mitteln der homöopathischen Stallapotheke: 

 

  • „Nux vomica“ (Brechnuss): Ein breit wirkendes Mittel, das aus dem Strychninbaum gewonnen wird. In homöopathischer Verdünnung hilft es bei Verdauungsproblemen, die auf zuviel oder ungeeignetes Futter zurückgehen. Die Störungen hängen auch mit einer bewegungsarmen Lebensweise zusammen. Ein Hauptmittel für unsere Kaninchen!
  • „Colchicum“ (Herbstzeitlose): Bei Schwäche, völliger Appetitlosigkeit, Blähungen mit heftigen, wässrigen Durchfällen.
  • „Carbo vegetabilis“ (geglühte Kohle aus Buchenholz): Blähungen, Schwäche bis zum Kollaps, stinkender Durchfall.
  • „Opium“ (Schlafmohn): Verstopfung bis zur totalen Darmlähmung.
  • „Plumbum aceticum“ (essigsaures Blei): Verstopfung mit harten schwarzen Kotklümpchen.

Zur Behandlung kombiniert man „Nux vomica“ entweder mit den beiden genannten Durchfallmitteln oder mit den beiden Verstopfungsmitteln. Die Potenz (siehe Kasten) spielt keine so grosse Rolle, man gibt, was in der Stallapotheke vorhanden ist. Flüssige Mittel verdünnt man mit etwas Wasser, Globuli (Kügelchen) löst man in wenig Wasser auf. (Zu den Globuli: für Kaninchen würde ich normale Zuckerglobuli wählen; künstlicher Süssstoff wie Xylit kann Blähungen verstärken.) Zur schnellen Schmerzlinderung und Entspannung kann man noch ein paar Tropfen Bachblütenessenz Nr. 39 „Notfallmischung“ zufügen. Den fertigen Cocktail gibt man dem Patienten mit einer Spritze ein. Die geschluckte Menge ist nicht entscheidend, der Kontakt mit der Mundschleimhaut genügt bereits. Das Eingeben soll so stressfrei wie möglich geschehen! Jede Aufregung verschlimmert die Situation! Diesen Cocktail gibt man 2 bis 3 Mal im Abstand von 1 bis 2 Stunden ein. 

 An einem wachen, "feurigen" Auge erkennt man das gesunde Kaninchen.

Zusätzlich bereitet man einen Tee aus Beifuss (Artemisia vulgaris) und Fenchelsamen. Je 1 Teelöffel voll in kaltem Wasser ansetzten, aufkochen, 10 Minuten ziehen lassen und lauwarm eingeben. Nur soviel verabreichen wie das Tier nehmen mag; lieber öfter kleine Mengen geben. Etwas Bewegung kann ebenfalls hilfreich sein, aber nur, wenn keine Atemnot besteht.  

In den folgenden Tagen vorsichtig füttern, Heu und Wasser (oder Tee) genügt anfänglich. Allmählich (über mehrere Tage) in langsam steigenden Mengen wieder zur normalen Fütterung zurückkehren.
 
Text und Bilder: Ursula Glauser
Trommelsucht

Ein neuer Gesichtspunkt der Enterocolitis 

Ein neuer Gesichtspunkt der Enterocolitis

Von August Offenberg, Futterberater der Firma Garvo 

Ein interessantes Gespräch an der Europashow 2006 in Leipzig mit einem Kollegen der Futtermittelbranche hat mich angeregt, meine Ansicht zur Enterocolitis für Sie niederzuschreiben. Zahlreiche Untersuchungen und Tests nach Behandlungen wurden haben schon stattgefunden, und viele sind noch im Gang. Aber ist es nicht an der Zeit, nach der Grundursache des Krankheitsbildes zu fragen?

Enterocolitis ist die volkstümliche Bezeichnung für eine Krankheit, die offiziell „Mukoide Enteropathie“ oder „Seuchenhafte Enteropathie“ (Epizootic rabbit enteropathy: ERE) heißt. Dass es sich hier um ein ernstes Problem bei Kaninchen handelt, dürfte klar sein. Dies wird vom Ausspruch des Präsidenten des Deutschen Rasse-Kaninchenzüchterverbandes, Herrn Peter Mickmann, noch besonders unterstrichen: „Das wichtigste Ziel während meiner Amtszeit als Präsident ist, dafür zu sorgen, dass nicht noch mehr Züchter ihr Hobby wegen Problemen mit Enterocolitis aufgeben.“

Symptome der Enterocolitis
Obwohl das Krankheitsbild der Enterocolitis eigentlich nicht weiter erklärt zu werden braucht, stelle ich doch als Einleitung die Symptome kurz vor:
•    sehr geringe oder absolut keine Futteraufnahme
•    ein stark aufgetriebener Bauch (der Darm ist mit Flüssigkeit, Schleim und Gas gefüllt)
•    wässerig stinkender Kot, von deutlich anderer Konsistenz als bei Coli oder Kokzidiose
•    plötzliches Sterben
•    vor allem Jungtiere sind betroffen.

Symptombekämpfung
Als Ursache von Enterocolitis wird oft angegeben, dass der Dickdarm wegen der Belastung mit verschiedenen Bakterien bzw. Clostridien „nicht mehr gut arbeitet“. Damit wird jedoch nichts über den Grund ausgesagt, warum diese Krankheitserreger (Pathogene) in Erscheinung treten können.
Eine verbesserte Hygiene mit regelmäßiger Desinfektion der Ställe und der sofortigen Entfernung kranker Tiere vermindert womöglich die Anzahl der Pathogene. Aber warum erhalten diese Pathogene überhaupt die Möglichkeit, beim Kaninchen in Erscheinung zu treten?
Neben einer verbesserten Hygiene betrachten zahlreiche Züchter das Antibiotikum Zinkbacitracin als Lösung. Dieses Mittel darf jedoch nicht umsonst nur auf Verschreibung des Tierarztes eingesetzt werden. Es ist absolut kein angenehmes Mittel. Der Hersteller des Antibiotikums ist aus diesem Grund aus eigener Initiative auf die Suche nach einer Alternative gegangen. Am kürzlich stattgefundenen WRSA-Studientag wurde das neue Produkt - das demnächst wahrscheinlich ohne tierärztliche Verschreibung verabreicht werden darf - von ihm mit Stolz angekündigt. Auch dieses Mittel richtet sich auf die Bekämpfung der Pathogene, ohne die Frage zu berücksichtigen, warum diese die Chance erhalten, Schaden anzurichten. Kurz und gut, das Abtöten der Pathogene durch verbesserte Hygiene oder Antibiotika befasst sich nicht mit der Grundursache, sondern ist lediglich Symptombekämpfung.

Anfälligkeit für Enterocolitis
Für den Grad der Anfälligkeit für Enterocolitis gibt es meiner Ansicht nach zwei Gründe. An und für sich ist es logisch, dass Jungtiere mit unreifem Immunsystem dafür anfällig sind. Doch neige ich stark zur Ansicht, dass auch eine zu schmale genetische Grundlage Ursache einer schwachen Immunabwehr bzw. der Anfälligkeit für Enterocolitis ist.

Zur Zucht sollen nur kerngesunde Tiere eingesetzt werden. Der Inzuchtgrad darf nicht zu hoch sein.

Bei Züchtern vieler Tierarten ist bekannt, dass eine zu schmale genetische Basis - Inzucht - beim Züchten Gesundheitsprobleme verursachen kann. In der Hunde-Fachliteratur kann man überall nachlesen, dass Mischlingshunde viel weniger an Erkrankungen und erblichen Abweichungen leiden, weniger krank sind und durchschnittlich älter werden. Daraus können wir die Schlussfolgerung ziehen, dass eine zu schmale genetische Grundlage bei Rassekaninchen der Gesundheit der Tiere sicher nicht förderlich ist.
In der Naturheilkunde heißt es oft, dass eine Krankheit eine Botschaft mit sich bringt. Die Botschaft bedeutet, dass ein Ungleichgewicht im Körper bzw. ein seelisches Ungleichgewicht besteht (bei Menschen: „zwischen den Ohren“). Enterocolitis liefert uns möglicherweise die Botschaft, dass wir für unsere Kaninchen entweder in Bezug auf die Fütterung oder die Züchtung etwas nicht richtig machen.

Grundursache
Zurück zur Europashow. Herr Horst von zur Gathen von der renommierten deutschen Firma Nösenberger stellte seine interessante Ansicht der Umstände dar, unter denen Pathogene Enterocolitis verursachen können. Ein zu hoher pH-Wert im Blind- und im Dickdarm soll das ideale Umfeld für die Verursacher der Enterocolitis bilden. Ein Mangel an Struktur im Futter soll der Grund dafür sein. Das mit dem pH-Wert war mir bekannt. Strukturmangel als Ursache ist für mich das fehlende Teil des Puzzles. Obwohl ich zum Inhalt einer „richtigen“ Diät eine andere Ansicht als Herr von zur Gathen vertrete, ist es interessant, den zu hohen pH-Wert in den Därmen - unter anderem wegen Strukturmangel - als Grundursache für Enterocolitis zu bezeichnen.

Faserverdauer
Beim Menschen wird dem Blinddarm praktisch keine Funktion zugeschrieben, beim Kaninchen ist dieses Organ jedoch von wesentlicher Bedeutung. Der Blinddarm umfasst beim Kaninchen sogar fast 50 % des Inhalts des gesamten Verdauungstraktes. Das Kaninchen ist damit zu Recht ein Faserverdauer. Die Bakterienflora im Blinddarm ist einzigartig. Diese Bakterien sind imstande, mithilfe eines Fermentationsprozesses zahlreiche wertvolle Stoffe aus dem Futter zu holen. Neben Vitaminen der B-Gruppe geht es um flüchtige Fettsäuren und Aminosäuren. Diese Vitamine und Aminosäuren gelangen in den Kot des Blinddarms. Wenn das Kaninchen diesen Kot später wieder aufnimmt, kann das Tier diese Nährstoffe nachträglich nutzen. Ein Kaninchen kann also wichtige Nährstoffe aus den Rohfasern verwerten. Bei der Verdauung der Rohfasern findet eine Fermentation statt. Bei ausreichender Fermentation wird der Inhalt des Blinddarms bis etwa pH 5,4 sauer. Das ist die untere Grenze für das Überleben von zum Beispiel Clostridium perfringens. Dieses Säuerung, die bei ausreichender Fermentation auftritt, bildet also eine Schranke für Pathogene. Kaninchen erhalten möglicherweise zu wenig echte Rohfasern. Dadurch ist der pH-Wert im Dickdarm zu hoch und erhalten Pathogene eine Chance - ein gemachtes Nest für Enterocolitis.

Viel Bewegung fördert die Verdauung.

pH-Senker
Der Kaninchenmagen verfügt über ein saures Milieu mit einem pH-Wert von unter 2. Im Dünndarm ist der pH-Wert etwa neutral. Im Dickdarm sollte der pH wieder etwas saurer sein. Dieses saure Umfeld sollte durch den Fermentationsprozess im Blinddarm entstehen.
Im Handel sind Produkte zur Ansäuerung von Futter oder Wasser erhältlich, zum Beispiel Naturessig. Auch wenn diese Säuren Einfluss auf den Säuregrad am Ende der Verdauung - im Dickdarm - haben, geht es immer noch um die Bekämpfung von Symptomen. Die Ursache des höheren pH-Wertes wird jedenfalls nicht bekämpft.

Rohfasern und Struktur
Auf jedem Sack Kaninchenfutter steht der Gehalt an „rohem Zellstoff" oder „Rohfasern". Können wir überhaupt in Pellets von Fasern sprechen? Bei der Herstellung der Pellets werden die Rohstoffe von einer Hammermühle zu Teilchen von 1 à 2 mm gemahlen und anschließend unter Erhitzung zu Pellets gepresst. Was bleibt dann noch vom Wert der Faser übrig? Auf jeden Fall kann man behaupten, dass hier keine Struktur mehr vorhanden ist. Und ein Kaninchen braucht gerade Struktur - echte Rohfasern. Liefert Heu dem Kaninchen genügend Struktur? Dazu habe ich meine Bedenken. Das meiste Heu ist oft nicht mehr als ein halbreifes Gewächs. Vollständig ausgewachsenes Gras enthält einen hohen Anteil an Rohfasern und damit auch – für das Kaninchen erforderliche - unverdauliche Ballaststoffe (Lignin). Aber Heu enthält selten ausgewachsenes Gras. Langstängliges, ausgewachsenes Heu deckt wahrscheinlich schon einen erheblichen Teil des Rohfaserbedarfs ab. Es liefert jedoch auch eine ziemliche Portion Eiweiß, und das wirkt sich auf den pH-Wert wiederum ungünstig aus. Ein Teil des Eiweißes wird nämlich in NH3 oder Ammoniak umgesetzt, was zu einem basischen Effekt führt (höherer pH).
Auch Stress hat einen bestimmten negativen Einfluss auf den pH-Wert. Ein gestresstes Kaninchen macht Cortisol und Adrenalin an. Cortisol bewirkt den Abbau von Körpereiweiß, was anschließend zur Erhöhung des pH-Wertes führt.

Pellets
Gepresste Pellets werden oft gerade als Teil der Bekämpfung von Enterocolitis betrachtet, weil das Futter durch Erhitzung bei der Produktion keimfrei ist. Das ist meiner Ansicht aber auch der einzige Vorteil der Pellets. Gepresste Pellets aber einfach wegen der Bedenken zum Wert der Rohfasern zu verbannen, betrachte ich auch nicht als Lösung. Ein Teil der Bekämpfung liegt meiner Meinung nach im Verabreichen echter Rohfasern. Und damit komme ich wieder auf das Stroh zurück.

Echte Rohfasern, eine Lösung?
Von zur Gathen wählt getrocknete Luzernenfasern (ohne das eiweißreiche Blatt) in Kombination mit dem Urgetreide Dinkel, um Kaninchen mit echten Rohfasern zu versorgen und die pH-Regelung zu optimieren. Ich gebe der Zufütterung mit Stroh den Vorzug, wobei Heu als Zufütterung auf ein Minimum beschränkt bleibt. Wenn man zwischen Kuchen und dunklem Brot wählen kann, ist die Wahl wohl einfach. Geben Sie täglich etwas frisches Stroh, um den Strukturbedarf abzudecken. Wenn Sie auch noch Kraftfutter geben, das echte Rohfasern enthält, wie zum Beispiel das 1025 Alfamix Kaninchenfutter von Garvo, trägt dies auch zum Wohlbefinden Ihrer Kaninchen bei.

Rohfasern bekommen den Kaninchen sehr gut, Vorsicht aber mit verschimmelten Blättern.

Anweisungen, dass diese Ansicht zutrifft
In praktisch allen Veröffentlichungen zu Enterocolitis, die ich gelesen habe, findet sich die Bestätigung der Theorie, dass ein Mangel an Struktur im Kaninchenfutter ideale Bedingungen für Enterocolitis bieten kann. Einige möchte ich gerne aufzählen.

  • Die zwei größten deutschen Kaninchenfutter-Hersteller unterstreichen, dass ein zu hoher pH-Wert im Dickdarm die Entwicklung von E. coli und Clostridien begünstigt.
  • Die Verabreichung von vielen verdaulichen Rohfasern und weniger Eiweiß im Futter hat eine positive Wirkung auf die Vorbeugung der Krankheit. Dieser Befund wurde an einem Studientag der World Rabbit Science Association im Jahr 2003 publiziert. (AO: Beide Maßnahmen fördern auf jeden Fall einen niedrigen pH-Wert).
  • Hohe Sterblichkeit durch Enterocolitis finden wir unter anderem in professionellen Kaninchenhaltungen. Hier sitzen die Tiere nicht auf Stroh und erhalten kein oder kaum Heu. Der relativ hohe Eiweißgehalt, der schnelles Wachstum fördern soll, bewirkt ebenfalls eine Erhöhung des pH-Werts. Außerdem soll sich die Haltung auf Spaltenböden nachteilig auf die Aufnahme des Blinddarmkots auswirken, der seinerseits für die Immunabwehr wichtig ist.

    Gesundheit als Ausgangspunkt
    Die Ansicht von Herrn von zur Gathen und alle Veröffentlichungen, die ich bis jetzt über Enterocolitis gelesen habe, sind für mich ein Anhaltspunkt, dass sich Garvo, aber auch Herr von zur Gathen mit der Firma Nösenberger auf dem richtigen Weg befinden, indem sie vom Gedanken der Immunabwehr und Gesundheit anstelle von Medikamenten und Krankheit ausgehen. Die Verabreichung von strukturreichem Raufutter und zusätzlich möglichst strukturreichem Kraftfutter (Alfamix Kaninchen) fördert das Wohlbefinden der Kaninchen. Mutter Natur ist unheimlich perfekt. Das Handeln im Einklang mit der Natur ist meiner Ansicht nach der Weg des geringsten Widerstandes.

 Originalartikel aus http://www.garvo.de/kaninchen/enterocolitis.html

Erschienen auch in der Zeitschrift Kaninchen Nr. 23/2007, http://www.kaninchenzeitung.de/  

Bilder und Bildtexte: Gion P. Gross


 

 

 

Enterrocolitis

Vortrag Prof. Dr. Hoop - Verdauung 

Vortrag von Prof. Dr. med. vet. R. Hoop über Fütterung, Verdauung und Darmerkrankungen beim Kaninchen als Powerpoint (1,4 MB) oder PDF (1 MB)


Vortrag Hoop, 1 MB

Die Gesundheit unserer Rassekaninchen 

Seit bald drei Jahren arbeitet Joseph Rey-Bellet aus Savièse VS als Vorstandsmitglied für den Schweizerischen Rassekaninchenzucht-Verband (SRKV). Er übersetzt für die französischsprachigen Rassekaninchenzüchter und betreut das Ressort «Bestandespflege» (Tiergesundheit). Hier seine Gedanken zur Kaninchenzucht als Anregung, über verschiedene Bereiche nachzudenken und entsprechend zu handeln.
Während der Ausstellungssaison wählt der Züchter die Tiere für die Zucht erneut aus. Das Erbgut soll beim Rammler dominant sein, so zum Beispiel betreffend Körperbau und Fellbeschaffenheit. Deshalb wird der Züchter seinen bewährten Zuchtrammler wieder einsetzen, vor allem wenn er an der Ausstellung - etwa an der Schweizerischen Rammlerschau 2003 in St.Gallen - gut abgeschnitten hat. Auch wird er jene Zibben auslesen, die bestimmte Eigenschaften zur Verbesserung der Rasse besitzen. Es gibt Leute, die nur für die Ausstellung züchten. In diesem Fall werden die Auslesekriterien mehr durch das bestimmt, was auf den Bewertungskarten steht und weniger durch das, was der Züchter unter Zuchtwert versteht.

Widerstandskraft ist wesentlich
Die Natur hat ihre eigenen Regeln, und der Rassekaninchenzüchter wird früher oder später daran erinnert. Der Begriff «Versuchskaninchen» ist nicht zufällig. Wenn es im Labor (nebst anderen Tieren) gezüchtet und gehalten wird, kann es der Mensch gestalten, wie er es wünscht. Wenn es aber mit der Aussenwelt in Berührung kommt, muss es gute Eigenschaften erlangen, die an Ausstellungen nicht unbedingt hohe Punktzahlen bringen. Im Stall des Züchters zählen die Gesundheit und die Qualitäten, die mit der Bewertung nach Standard nicht ohne weiteres erfasst werden.

Und was wollen wir für unsere Tiere? Ein wesentliches Kriterium in der natürlichen Auslese ist die Widerstandsfähigkeit, eine Qualität, die nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Ein schönes Fell widerspiegelt bestimmt eine gute Gesundheit, soll aber nicht künstlich mit allen Mitteln angestrebt werden. Das Kaninchen sollte sich auf eine natürliche Weise mit körpereigenen Abwehrkräften schützen können. Es soll das Immunsystem entwickeln und verschiedensten Aggressionen (Krankheitserreger, Umwelteinflüsse) standhalten können. Ein Kaninchen, das nur für eine hohe Punktzahl gezüchtet wird, wird schwächer.

Medikamente sollten nur in Ausnahmefällen und nur mit genauen Kenntnissen verabreicht werden. Wenn ein Virus isoliert wurde, kann man einen Impfstoff anbieten. Die Verabreichung eines Impfstoffes, eines Medikamentes kann sogar erforderlich sein, sich rechtfertigen. So können Krankheiten geheilt und Seuchen verhindert werden.

Rasse- oder Mastkaninchen?
Die Rassekaninchenzucht ist gemeinnützig, nicht auf Gewinn ausgerichtet. Der Konsum von Kaninchenfleisch ist von Bedeutung. Er soll reguliert werden. Die Rassekaninchenzucht soll nicht mit der gewerblichen Kaninchenmast gleichgestellt werden. Die Lebenserwartung der Tiere ist da nicht dieselbe. Die Mastkaninchenzucht entspricht einer Nachfrage, sie richtet sich nach marktwirtschaftlichen Kriterien. Rassekaninchenzüchter produzieren aber einen beträchtlichen Teil des in der Schweiz konsumierten Kaninchenfleisches. Dies ist ein zentraler Grund dafür, dass wir gesunde Tiere - auch gesunde Ausstellungstiere - züchten und halten, deren Fleisch gesund und bekömmlich ist.

Wenn wir unsere Kaninchen weiterhin in tiergerechter Haltung züchten und einem breiten Publikum gesunde und schöne Kaninchen vorzeigen können, werden wir das Vertrauen der Bevölkerung in die Rassekaninchenzucht gewinnen. Umso mehr, wenn das Kaninchenfleisch von ausgezeichneter Qualität und frei von Medikamentenspuren ist. Dies wird auch den Sektionen, Klubs und Verbänden dienen, und der SRKV wird noch stärker sein.

Was bringt die Zukunft?
Ich bin aber überzeugt, dass viel Arbeit auf uns zukommen wird, wenn wir unseren Schützlingen eine gute Lebensqualität sichern wollen. Es ist aber unbedingt notwendig, dass wir uns darüber Gedanken machen und wenn nötig handeln. Das Geld des SRKV soll auch dazu dienen. Im Übrigen ist zu hoffen, dass nur ausnahmsweise Funktionäre entschädigt werden müssen, die über Manipultionen an Ausstellungstieren und Betrügereien zur Täuschung der Experten und der Züchterkollegen zu befinden haben. Vielleicht wird eines Tages eine Ethikkommission gebildet, man denke an Stichworte wie Klonen oder Genmanipulation. Das neue Ressort - heute Bestandespflege, morgen Tiergesundheit - in der Bewältigung der SRKV-Vorstandsarbeit hat sich bewährt. Ich werde mich weiterhin bemühen, viele Informationen zur Erhaltung der Gesundheit einzuholen und weiterzugeben. Der gute Kontakt mit dem Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) und mit Wissenschaftlern der Universität Zürich ist eine grundlegende Voraussetzung auf dem Weg zur Erhaltung der Gesundheit, zur Bekämpfung verschiedenster Kaninchenkrankheiten und für eine Haltung zum Wohl der Tiere.

Die Kaninchenausstellungen sind unsere Visitenkarte. Wenn die Gesundheit unserer Rassekaninchen nicht gewährleistet werden könnte, würde unser Hobby früher oder später darunter leiden. Ich danke allen Kleintierzüchtern, die der Gesundheit der Kleintiere einen hohen Stellenwert beimessen.

Dr. Joseph Rey-Bellet
SRKV-Vorstandsmitglied

La santé de nos Lapins (PDF pour download)
Die Gesundheit unserer Rassekaninchen (Download als PDF)

Enterocolitis 

Epizootische Enterocolitis - eine neue Seuche

Seit 1996 wird in Frankreich eine neue seuchenhaft auftretende Erkrankung bei Mastkaninchen beobachtet. Futterverweigerung und hohe Sterberate (bis zu 80 Prozent) bringen die Kaninchenhalter zur Verzweiflung. Die Inkubationszeit beträgt 3 bis 5 Tage (Zeitraum von der Aufnahme des Infektionserregers bis zur Erkrankung) und die empfängliche Altersgruppe sind Jungkaninchen kurz nach dem Absetzen (7. bis 8. Lebenswoche).
In der Zwischenzeit wird diese Kaninchenkrankheit auch in anderen europäischen Ländern wie Italien, Deutschland und Belgien festgestellt. Dabei scheint primär die Intensivmast betroffen, in Rassekaninchenzuchten ist die Krankheit nicht weit verbreitet. In Frankreich sind gemäss neuen Umfragen in den letzten zwei Jahren rund 50 Prozent der Kaninchenmäster von der epizootischen
Enterocolitis
heimgesucht worden - dies im Gegensatz zu den französischen Rassekaninchenzüchtern.
Obwohl die Fütterung gemäss diesen Umfragen nicht entscheidend für den Ausbruch der Krankheit ist, scheint die Zusammensetzung des Futters wichtig. Positiv wirkt sich ein proteinarmes, rohfaserreiches Futter aus (Proteingehalt maximal 16 Prozent; Rohfasergehalt mindestens 20%). Auch die Rationierung (tägliche Gabe des Kombifutters, abgestimmt auf das Körpergewicht) hat einen guten Einfluss auf das Vorkommen und den Verlauf der epizootischen
Enterocolitis. Die Umfragen haben zudem gezeigt, dass auch andere Krankheiten (etwa Pasteurellose und Escherichia-coli-bedingte Erkrankungen) in Kaninchenmasten eine erhebliche Rolle spielen. Besorgniserregend ist, dass rund 50 Prozent der Mäster ihre Kaninchen ohne klare Diagnose behandeln.

Klinischer Verlauf

Dem Kaninchenzüchter fällt zuallererst die völlige Futterverweigerung auf, die ab und zu von einem aufgeblähten Bauch und einem Zusammenkauern begleitet ist. Für die epizootische Enterocolitis typisch sind sodann das «Gluntschen» (Geräusch eines fallenden Wassertropfens beim Hochheben des Tieres), die Verstopfung, in einer späteren Phase der starke Durchfall, die hohe Sterblichkeitsrate bei Jungtieren (siehe auch Auswertung des SRKV-Fragebogens in der «Tierwelt» Nr. 41/2001) sowie das Fehlen von Fieber. Beim Abtasten des Bauches wird oft eine Verhärtung im Blinddarmbereich gefühlt.
Im fortgeschrittenen Stadium wird das Absetzen von gelatinösen Massen beobachtet. Die Krankheit kann bei der Sektion von anderen Darmerkrankungen wie Kokzidiosen und Dysenterien unterschieden werden. Auffällig sind vor allem der stark aufgetriebene Magen und Blinddarm sowie der dünnsuppige Mageninhalt.

Auslöser der Krankheit

Ausgedehnte Untersuchungen haben in der Zwischenzeit ergeben, dass das Futter nicht die direkte Ursache der epizootischen Enterocolitis ist. Viele Faktoren wie Mykotoxine (Pilzgifte), Prämixe (Futtervormischungen) und Pestizide konnten ausgeschlossen werden. Bald wurde erkannt, dass die Krankheit ansteckend und übertragbar ist. Die Krankheitsursache konnte weiter eingegrenzt werden; so zeigte sich, dass eine Behandlung mit Antibiotika kaum bis keine Wirkung zeigt, dass bei üblichen bakteriologischen Untersuchungen nicht ein klarer Zielkeim angezüchtet werden kann oder dass für Viren typische Veränderungen in bestimmten Organen gefunden werden. Dennoch ist bis heute die Krankheitsursache noch nicht bekannt. Von daher ist es auch schwierig, klare Empfehlungen abzugeben. Die im Ausland oft praktizierte Dauergabe von Antibiotika ist eindeutig als Notlösung anzusehen und führt auch langfristig nicht zum Erfolg! Zusammenhänge mit allfälligen Impfungen - in der Schweiz wurde verschiedentlich die Impfung gegen die VHK dafür verantwortlich gemacht - können eindeutig ausgeschlossen werden.

Empfehlungen

Obwohl wie bereits erwähnt die Krankheitsursache noch nicht erkannt wurde, können auf Grund der Erfahrungen im Ausland einige Empfehlungen abgegeben werden.
· Fütterung optimieren (insbesondere nicht zu hohen Eiweissgehalt).
· Um die Absetzzeit vermehrt auf Heufütterung setzen.
· Probiotika (Laktobazillen) und Kräuter verabreichen.
· Keine vorbeugende Fütterung von Antibiotika versuchen.
· Überbesetzung der Ställe vermeiden.
· Haltungsbedingungen verbessern (keine Zugluft; keine zu feuchten Stallungen; staubarmes Heu).
· Kranke Tiere nicht an Ausstellungen schicken.
· Wegen des vermutlich ansteckenden Charakters der Krankheit Tierverkäufe zum Zeitpunkt der Krankheit und der darauf folgenden zwei Monate vermeiden.

Dr. Joseph Rey-Bellet

Dr. Richard Hoop

Tierwelt, Nr. 48

Artikel über Enterocolitis zum Download